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Leseprobe (Buchseite 385-388)
Viele Kinder und auch ich versuchen durch einen Seiteneingang in die Synagoge zu kommen, aber wir werden von SA-Männern daran gehindert, die sich in einem für sie ungefährlichen Abstand um die brennende Synagoge herum aufgebaut haben. Sie treiben uns Kinder, die unbedingt den in der brennenden Synagoge eingeschlossenen Menschen helfen wollen, unter schweren Drohungen auf die Straße zurück. Die Männer drohen uns in einem sehr gefährlichen Ton, der uns einschüchtern soll, schwerste Strafen an, wenn wir es wagen sollten, den Juden zu helfen. Dann würde uns ganz genau das Gleiche passieren wie denen. Und so stehen wir Kinder jetzt sehr verängstigt, von den SA-Männern zusammengetrieben und zusammengepfercht, um die Synagoge herum. Einige Passanten wollen das Hauptportal der Synagoge mit Gewalt öffnen und Männer aus der näheren Nachbarschaft kommen mit Äxten aus ihren Häusern gestürzt und versuchen die Tür aufzuschlagen, damit die vor Angst und vor Schmerzen schreienden Menschen aus diesem lichterloh brennenden Gebäude einen Fluchtweg auf die Straße haben. Aber die SA-Männer lassen niemanden durch und mit Schlagstöcken und gezogenen Revolvern gehen sie langsam in dichten Reihen auf die Synagoge zu und blockieren so alle Ausgänge. Laute, sehr empörte Rufe und Beschimpfungen aus dem Mund vieler Nachbarn und von denen, die helfen wollen, können die SA-Männer nicht von ihrem schändlichen Vorhaben abhalten. Die couragierten Menschen, die die Kette der SA-Leute mit Gewalt durchbrechen wollen, werden mit Fausthieben und Fußtritten zurückgedrängt, diejenigen, die gar nicht weichen wollen, werden sogar mit der Waffe bedroht. Immer wieder kommt es aus den Reihen der SA: »Kommt doch raus, ihr Saujuden, ihr feigen Schweine!« Wir Schulkinder möchten, um all das Furchtbare nicht mit ansehen zu müssen, am liebsten wieder in unsere Klasse zurückgehen. Aber auf Anordnung der Schulleitung werden wir gezwungen, alles aus allernächster Nähe mit anzusehen. Ich kann bald das jammervolle Schreien, das aus der brennenden Synagoge dringt, nicht mehr mit anhören und dränge mich zu meiner Kusine Hannelore durch, die ja sowieso immer sehr ängstlich ist. Sie befindet sich in einem jammervollen Zustand. Sie steht stocksteif da und hält sich mit beiden Händen die Ohren zu, die Augen hat sie geschlossen. Sie zittert am ganzen Körper wie Espenlaub. Ich sage leise zu ihr: »Hannelore, erschrick nicht, ich bin’s, ich habe dich schon gesucht, aber die SA-Männer haben mich immer wieder festgehalten und wollten nicht, dass ich zu dir durchdringe.« Ich nehme ganz behutsam meine zitternde Kusine in den Arm und tröste sie, die sich vor lauter Schluchzen kaum noch auf den Beinen halten kann. Ganz nahe an ihrem Ohr sage ich: »Hannelore, beruhige dich doch ein bisschen, ich bin ja jetzt bei dir und passe auf dich auf.« Ein lautes Krachen lässt uns ganz gewaltig zusammenfahren. Die armen gequälten Menschen haben sich mit aller Macht gegen die Tür gestemmt und sie aufgebrochen, um ins Freie zu kommen und nicht zu verbrennen. Die SA zwingt sie unter brutalen Knüppel- und Fausthieben, die Arme hochzunehmen und nicht zu fliehen, sonst würden sie erschossen. Viele schreiende Menschen werden, sobald sie aus der Synagoge gedrängt kommen, von der SA abgefangen und zu Boden geworfen. Die SA-Männer schlagen unaufhörlich mit ihren Knüppeln auf sie ein, auch ins Gesicht. Die so brutal zusammengeschlagenen Menschen geben unmenschliche Schreie von sich und liegen aus zahllosen Wunden blutend hilflos am Boden. Die SA-Leute ziehen sie an den Haaren von der Synagoge fort. Zu meiner Kusine Hannelore sage ich: »Halte bitte deine Augen und Ohren fest geschlossen, denn ich möchte nicht, dass du all diese schrecklichen Brutalitäten mitkriegst.« Das furchtbare Schreien und das Schimpfen nehmen gar kein Ende, und ich höre immer wieder: »Ihr verdammten, feigen Saujuden, wir schlagen euch alle tot!« Ich sehe viele greise Männer mit langen, grauen Bärten und Frauen, die bis auf die Straße geschleift werden, weil sie nicht so schnell laufen können wie die jüngeren Frauen, und sich gottergeben vor der Synagoge auf den Boden legen, weil sie so schwere Brandverletzungen haben und nicht mehr laufen können und sich tot treten lassen. Ihre hilflosen Schreie sind markerschütternd. Kinder rufen weinend nach ihren Eltern, aber auch sie werden mundtot gemacht und brutal niedergeknüppelt. Jetzt fallen sogar Schüsse. Viele Menschen, die aus der brennenden Synagoge flüchten wollen, werden von der SA abgefangen und auf die andere Straßenseite getrieben, wo sie mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an eine Häuserwand gestellt werden. Dort werden sie von einem höheren SA-Mann mit brutalen Faustschlägen auf dem ganzen Körper traktiert und getreten. Dabei verlangt er, dass jeder einzelne ihm unter diesen schweren Misshandlungen wiederholen soll: »Ich bin ein gottverdammtes Judenschwein.« Diejenigen, die das auf Grund ihrer furchtbaren Schmerzen nicht wiederholen können, werden von diesem Sadisten sofort erschossen. Ich habe bei den Bombardierungen schon so manches Schreckliche erlebt und dabei denke ich an die Frau, deren Kopf von einer Luftmine abgerissen worden war, und auch an andere verstümmelte Bombenopfer, aber das Massaker hier übertrifft doch alles um ein Vielfaches. Die Menschen sind nichts ahnend zum Gebet in ihre Synagoge gegangen und wurden mitten in ihrer Andacht durch die von der SA gelegten Brände auf die Straße getrieben, niedergeknüppelt und zu Tode getreten oder erschossen. Ich beruhige immer noch meine weinende Kusine, bin aber auch bald so weit, dass ich mir meine Ohren zuhalten möchte. Denn das, was ich da mit ansehen und hören muss, ist einfach unvorstellbar. Ich drehe mich für einen Augenblick zum Haus der Weinbergs um, weil ich mit Schrecken daran denke, wie furchtbar es für die beiden sein muss, wenn sie das Massaker hier mit ansehen, und welche furchtbare Angst sie dann dabei ausstehen würden. Aber was ich da sehe, lässt mich laut aufschreien, denn aus Weinbergs Wohnung in der ersten Etage werden Möbel, Kleidung, Wäsche und sogar ein künstlicher Christbaum aus dem Fenster auf die Straße geworfen. Zu meiner Kusine sage ich, sie soll, bis ich wiederkomme, stehenbleiben, wo sie gerade steht, und ich dränge mich eilig bis zu unserem Lehrer durch, den ich in der hinteren Reihe habe stehen sehen. Als ich vor ihm stehe, kann ich vor lauter Aufregung zuerst kein Wort rauskriegen. So sehr ich mich auch bemühe und anstrenge, ich kriege doch kein einziges vernünftiges Wort aus meinem Mund heraus, sondern stottere nur Unzusammenhängendes und zeige mit meinem Finger in die Richtung, wo Weinbergs Möbel aus dem Fenster auf die Straße fliegen. Ich kann nur stammeln: »Da, die Weinbergs!«
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