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Leseprobe (Buchseiten 171 - 175)
5 Gartenzwerge
Die Ereignisse überschlugen sich, die Europäische Union und Russland hatten sich endgültig verbrüdert und die Vereinigten Staaten spielten Weltkrieg. Sie hatten die Pan-Arabische Union unter ihre Kontrolle gebracht und bereiteten offensichtlich eine Tschetschenien-Offensive vor. Aserbaidschan wurde wirtschaftlich erschlossen, und es baute sich an den östlichen Ausläufern des Kaukasus eine gewaltige Militärstreitkraft auf. Russland wollte die natürliche Barriere des Kaukasus als Grenze seiner Einfl usssphäre gewahrt halten, und Europa machte sich Sorgen um Neumitglied Georgien, das politisch noch zwischen den drei einfl ussreichen Partnern schwankte. Die Amerikaner verstärkten ihre Aufklärungsfl üge und drangen mit unbemannten Flügen weit in russisches Gebiet vor. Das konnte nicht weiter geduldet werden und so entschied sich die Staatsführung zu einer klaren Stellungnahme. Sie fl ogen einen massiven Luftangriff auf den amerikanischen Stützpunkt in der Nähe von Karatschi an den Ufern des Indus. Das sollte als deutliches Zeichen gewertet werden, wozu sie bereit wären, im Falle eines Falles. Klare Kriegshandlungen im Kaukasusgebiet wollten sie zunächst vermeiden, dazu war diese Gegend zu kostbar. Ein paar Kriegshandlungen vom fernen Afghanistan aus waren keine große Geschichte, da kam es sowieso ständig zu Zwischenfällen. Seit sie dieses Gebiet mit Deutschland gegen Königsberg eingetauscht hatten, war es nicht zu wesentlichen Verbesserungen gekommen. Deutschland hatte auf die endgültige Übergabe Königsbergs im Tausch gegen das von Querelen zerfurchte Afghanistan bestanden. Als kleine Draufgabe hatten sie mit Russland noch ein dickes Ölgeschäft abgeschlossen, und genau darum ging es auch im Kaukasus. Die weltweiten Ölreserven neigten sich dem Ende zu. Folglich würde es um die letzten Tropfen erbitterte Kämpfe geben. Die Europäische Union hatte sich zwar während der lang anhaltenden Kämpfe auf dem Gebiet der Pan-Arabischen- Union die Ölfelder um Mossul und Kirkuk unter den Nagel gerissen, wollte ihre Option auf die noch wesentlich größeren Ölfelder am Kaspischen Meer aber nicht ganz aufgeben. Um des Friedens willen und mit Blick auf viel lohnendere Geschäfte hatten die Amerikaner es halt hingenommen. Rein militärisch wollten und konnten sie es auch nicht mit Russland und Europa gleichzeitig aufnehmen. Es war also eine Pattsituation – wie meistens in Friedenszeiten. Als die amerikanischen Operationen mehr und mehr in Gang kamen, verschwand auf einmal einer ihrer Flugzeugträger. Russland wiegelte ab, leugnete jegliche Beteiligung und gab an, dass sich die Vereinigten Staaten offensichtlich noch ein paar Feinde gemacht hatten, das sei ja kein Wunder bei derart expansiver Außenpolitik. Amerika verschwendete nicht viele Worte und startete den Kaspischen Krieg mit einem massiven Raketenangriff. Den konnten die Russen natürlich abfangen und starteten ihrerseits mit dem Beschuss der feindlichen Stellungen. Europa hielt sich raus, verstärkte aber die georgische Grenze mit einer erheblichen Anzahl von Soldaten der Euroschutztruppe. Russland fuhr die Schwarzmeerfl otte und auch die Kriegsschiffe vom nördlichen Kaspischen Meer auf, und so stellten sich die Kontrahenten auf eine lange Schlacht ein. Kaum hatten sich die Nachrichtensender an die tägliche Berichterstattung der Kampfhandlungen gewöhnt, sodass das Interesse der Zuschauer schon wieder nachließ, da platzte die Nachricht durch, dass Diego Garcia verschwunden sei. An sich eine unbedeutende Insel, aber ein wichtiger Militärstützpunkt für die Amerikaner und den gesamten Indik. Man erfuhr nicht einmal, was los war. Ohne Vorwarnung verstummte jegliche Kommunikation, und erst ein Satellitenbild verschaffte Klarheit. Zu sehen war eine riesige weiße Staubwolke. Die Bilder riefen sofort die Erinnerung an London wach. Genau der gleiche Maßstab und genau die gleiche Entwicklung. Ein weißer Brei überzog die gesamte Inselgruppe und schwamm auch im umliegenden Meeresgebiet. Es schien klar, dass hier noch eine dritte Macht ihre Hände im Spiel hatte, aber welche? Vermutungen machten die Runde, es kursierten Gerüchte um mögliche Racheaktionen islamischer Terroristen. Aus Mangel an Beweisen tendierte man aber dann doch eher dazu, die vierte oder fünfte Großmacht zu beschuldigen, bis eine merkwürdige Geschichte passierte. In einigen größeren Tageszeitungen der Vereinigten Staaten erschien folgende Anzeige, die zunächst keine weitere Beachtung erlangte: 1 US-Dollar for 1 US-Soldier Special Offer »Deutsche Gartenzwerge« For Homecoming Soldiers from Foreign Missions a discount of 1 Dollar is requested Price: 13,95 US$, Price for real Patriots: 12,95 US$ come to Pomonona (Kansas) Am selben Tag explodierte in einem US-Stützpunkt nahe der kanadischen Grenze eine Atombombe. Tote gab es nicht. Kurz vorher war per Fax eine Warnung gekommen, die ernst genommen wurde, sodass die gesamte Gegend rechtzeitig evakuiert werden konnte. Eigentlich gab es dort außer Raketensilos und auf der Jagd befi ndlichen Urlaubern weit und breit sowieso nichts. Pünktlich auf die Minute gab es dann einen großen Knall und eine enorme Erschütterung. Eine Rauchwolke gab es nicht. Irgendjemand hatte den Computer und die Sicherungsanlage manipuliert und eine der Atomraketen vor Ort gezündet. Die Silos waren atombombensicher, sodass sich die radioaktive Verseuchung in Grenzen hielt, und nur eine geringfügige Menge radioaktives Material gelangte in die Umgebung. Zwei Stunden später gab es einen Stromausfall in der Nähe von Kansas City, eben in jenem kleinen Ort Pomonona, wo die Gartenzwerge verkauft worden waren. Wunder über Wunder: Vier große Lautsprecher, die am Sportplatz montiert waren, funktionierten trotz des Stromausfalls und spielten Beethovens Neunte. Zufall? Oder wollte da irgendjemand etwas mitteilen? Sollte es vielleicht die EU-Hymne sein oder wirklich nur Ludwig van Beethovens Meisterwerk? Egal, die Ermittler der unterschiedlichsten Behörden fanden sich ein und jede Menge Reporter. Als dann bekannt wurde, dass der Absender des Faxes mit der Warnung an den Stützpunkt ebenfalls aus der Gartenzwergfi rma kam, gesellten sich noch Souvenirjäger unter die Menge und kauften die kleinen Tonfi guren kistenweise. Die Betreiber der Gartenzwergfi rma waren deutsche Einwanderer, die schon eine Ewigkeit in den Staaten lebten. Gewusst hatten sie nichts, Leute wären gekommen, hätten ihnen Geld gegeben und die Anzeigen in den Zeitungen bezahlt. Sie hätten ein paar Vorräte angelegt und die würden sie jetzt auch loswerden. Irgendwie wirkten sie völlig harmlos und die Tatsache, dass sie über kein Faxgerät verfügten, entlastete sie zusätzlich.
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